Über meine Arbeit

Ich bin im Odenwald aufgewachsen, nah am Wald, zwischen Stöcken, Lehm, Fäden und selbst gebauten Hütten. Schon als Kind spannte ich Netze, verband Materialien miteinander und verbrachte ganze Nachmittage damit, aus fragilen Konstruktionen Schutzräume und gestaltbare Orte im Wald entstehen zu lassen. Garn und Faden wurden früh zu einem glücklichen Material für mich: weich und stark zugleich, formbar, verbindend und in der Lage, Gewebe entstehen zu lassen. Auch als Jugendliche suchte ich diese Orte im Wald noch auf, um im Tun meine Gefühle ordnen zu können. Besonders nach dem Suizid eines Freundes wurden diese Orte und das Arbeiten mit Materialien für mich zu einem Halt. Rückblickend glaube ich, dass mich das Gestalten damals gerettet hat. 

Mein Großvater war Tierfotograf. Auch er zog sich nach dem zweiten Weltkrieg in den Wald zurück; seine Dias und sein Blick auf Details von Tieren begleiteten meine Kindheit und wirken bis heute in meine Arbeit hinein. Die Fotografien von Tieren, die bei meiner Großmutter überall in der Wohnung hingen, wurden früh zu stillen Gegenübern für mich. Einige der Dias dienen mir heute als Ausgangspunkt meiner Arbeiten. Diese Aufmerksamkeit für Verbindungen und gewachsene Strukturen prägt meine künstlerische Arbeit bis heute. Mich interessiert, wie natürliche Formen miteinander in Beziehung treten und welchen organischen Spuren man mit textilem Material folgen kann.

Ich sticke Bilder. Sie folgen den Rhythmen tierischer Oberflächen, den Wiederholungen im Gefieder eines Vogels, den ornamentalen Strukturen eines Käferpanzers oder den weichen Segmenten einer Raupe. Aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang gelöst, werden diese Fragmente zu Trägern eines größeren Ganzen. Fragile Kreisläufe greifen ineinander und bilden gemeinsam das Gewebe unserer Welt.

Aus fragmentierten Oberflächen, Farbfolgen und Strukturen tierischer Körper entstehen mit der Nähmaschine gestickte Arbeiten, die sich zu fiktiven Organismen zusammensetzen. Zunehmend lösen sich die Arbeiten aus dem rechteckigen Bildraum. Fäden, Kokons und textile Strukturen wachsen in den Raum hinein und schaffen neue räumliche Situationen.

Mich interessieren die Rhythmen von Orten — in natürlicher Umgebung schaue ich auf Abstände zwischen Bäumen, Astgabelungen, Verdichtungen und Lichtungen und wie Baumgruppen natürliche Innenräume entstehen lassen. Mit diesen räumlichen Situationen, die bereits eine eigene Ordnung und Spannung in sich tragen, arbeite ich. Textile Strukturen greifen diese Bewegungen auf und schreiben sie weiter.

Meine Arbeiten versuchen, fragile Zusammenhänge freizulegen und erfahrbar zu machen. Sicher ist es auch der Versuch, dem Verschwinden etwas entgegenzusetzen.