Dinaeht®

 

Linienlust- genähzeichnet

Text von Prof. Dr. Christian Janecke:

Künstlerische Zeichnung kann das Subjektive, das unmittelbar Handschriftliche hervorkehren; ebenso kann sie auf gänzlich Abstraktes zielen und sich für Entwurf und Erfindung empfehlen. Diese Möglichkeiten treten heute noch gesteigert auf. Unvermeidlich Handschriftliches wird zum gewollten Effekt, zur Manier des Seismographischen, zur protofotografischen Spur; Mageres, Klares, Entwerferisches wächst sich aus zum Gestus des Modellhaften, mimt technische Zeichnung. Schließlich das anschaulich zeitliche Nacheinander der Linie, seit der Neuzeit erkannt, seit der Moderne ausgiebig genutzt, wird heute explizit thematisiert als Prozess oder Sukzession.

Wenn man sich nun klar macht, dass dieses extreme, fast widersprüchliche Spektrum von Zeichnung darauf basiert, dass Linien eine sublimierte Seinsweise zukommt, dass sie materialster sozusagen nichts, bezeichnender, teilender, markierender Weise aber alles sind – dann versteht man, welchen Affront und Rückschritt gestickte Linien uns vorderhand zumuten. Solche farbig glänzenden oder matt anwesenden, mit Fingern fühlbaren und (sogar in der Reproduktion gut erkennbar) als materialisiert sichtbaren Linien verwandeln Manches: Der zumal mit der Maschine genähten Linie scheint das Handschriftliche ausgetrieben zu sein, obwohl sie doch in buchstäblichem Sinne Spur ist, nämlich allein schon aufgrund der den Bildträger wieder und wieder durchlöchernden Nadel. Und das denkbar Entwerferische der Linie mag zwar fortleben durch die planerisch wirkenden Strichintervalle, verliert sich aber unversehens an das Apodiktische einer sich Versorgung wie rector durch den Grund futternden Naht.

Die entscheidende Änderung gegenüber einer Zeichnung, die wir gewohnt sind, besteht in der Materialisieren; und es irrt, wer glaubt, der farbige Faden sei doch immer noch dezenter als jene neuerdings als „dreidimensionale Zeichnung“ kursierenden Drahtgebilde der jüngeren Kunst. Denn während dort die Zeichenfläche längt verlassen wurde, reklamiert die gestickte Linie weiterhin beides: klassischerweise die Linie auf Fläche, sogar auf Papier, und die schmückende, materialverbürgte, darin Repräsentation und Darstellung zurückdrängende Präsenz.

Eine gestickte, oder wie Dina Rautenberg sagen würde, eine“genähzeichnete“ Eule ist daher niemals nur das, was sie bereits als farbig gezeichnete Eule wäre, also eine linienbetonte stilisierte, durch allerhand grafische Kürzel im Gefieder bereicherte Darstellung. Viel mehr hat sich dies Eule zur Gänze eingenistet ins Papier, halten Umriss- und Binnenlinien auf reizvolle Weise die Waage zwischen farbigen Linien, die fernere Farbigkeit nur imaginieren lassen und dicken farbigen Fäden, die an Ort und Stelle leuchten, ja die promenieren wollen. Schließlich sind es die Voreinstellungen gewisser Stichmuster mit ihren angestammten Funktionen, des Säumens, Befestigens, Farbausfüllens, die jetzt als Rauten- oder Kreuzstich auf geometrische Weise so tun, als wären sie Kleid, Wimpern, Kopfgefieder.

So erobert sich die stickte oder genähte Linie zurück, was der Modere als Kunsthandwerk wenn nicht als  Kitsch suspekt war und deshalb machen es sich Künstlerinnen wie Annette Messager nach gerade zur Pflicht, das Biedere solch weiblicher Handarbeit durch Idyllbrechung zu konterkarieren, wenn sie betont nachlässig frauenfeindliche Sprüche stickt. Ghada Amer hingegen nutzt die Option moderner Nähprogramme, komplexe Motive flächendeckend derart in Wiederholung oder Variation zu überlagern, dass ihre häufig sexuell anzüglichen Sujets unkenntlicher und wie gleich verteilt erscheinen. Auch Francesco Vezzoli distanziert sich vom Odeur des Kunsthandwerklichen, indem er etwa die Schwarzweiss-Fotografie einer Filmdiva partiell mit einem dicken Tränenrinnsal überstickt- und somit geschickt zwischen Glamour und markiertem Kitsch changiert. Jochen Flintzer schließlich setzt die abjekten Saiten des Nähens, Stickens, Verknotens in Szene, indem er die vielen überstehenden Fäden vielleicht fliegenbeindicke Haare eines Schenkels darstellen (und zugleich sein könnten), oder indem er sogleich auch die Bilderrückseiten wie bei einem Paravent zugänglich macht.

Im Unterschied zu solch verdienstvoll originellen, aber auch auf Abgrenzung gegenüber   dem Kunsthandwerklichen bedachten Positionen nimmt Dina Rautenberg eine vergleichsweise entspannte, gegenüber dem in ihren Zeichnungen gastierenden Medium des Stickens und Nähens indes auch neugierige Haltung ein. Wo bloß eine farbige Linie nottut, da eilt ihr Faden durch das Papier wie sonst nur ein dünner Filzstift. Aber wo der Glanz der Fäden, wo das Zickzack, wo (jedem, der einmal an einer Maschine nähte, bekannte)Hin-und Herfahren, über ein Stück Stoff alias Papier gefragt ist, dort breitet sich all jenes lineare Potenzial aus, welches heutige Nähmaschinen zwar als schematisiertes Linien- Repertoire einprogrammiert wurde, dass sich aber in der Nutzung stets als eine, sagen wir angenehme Art der Bevormundung manifestiert: Wer mit solch einer Maschine näht oder stickt und nicht sklavisch eine Vorlage nachahmen muss, der lässt sich von den Vorgaben den selbst wählbaren Voreinstellungen der Maschine gerne überraschen und der experimentiert gerade mit jenen Stichmustern, die ratternd auf dem Stoff davonpreschen wollen. Mit anderen Worten: Was diese Maschinen in der Hand eines poetisch und künstlerisch veranlagten Menschen anrichten, dass ist bereits von betörender Sinnlichkeit und geeignet, jenen Erzählungen oder denkbaren Erzählungen nach- zu- nähen, um die es Dina Rautenberg geht. Sie versteht sich ja als künstlerische Illustratorin, und auch wenn die Arbeiten ohne weiteres für sich bestehen könnten, so bekommt ihnen ein Titel oft ganz gut, locken sie in jedem Falle die Phantasie der Betrachter. Nur unternehmen sie das nicht auf dem Wege der sublimierten Zeichnung, sondern auf eine abenteuerliche, unverdünnte Weise: Die prachtvollen Silhouetten zweier Akteuere oder die kinderbuchartige Einfachheit eines Fliegenpilzes, oder das weltlandschaftliche Gefieder eines Hahnes- alles dies farbuliert nicht alleine vermöge der Darstellung und auch nicht nur auf Grund schöner Lineamente, sondern immer auch, weil die herrlichen- aber auch herrlich zweckentfremdeten- Muster der Stiche ihrerseits fabulieren. Über den Köpfen zweier Liebenden, gebannt in symmetrisch einander zugewandten Profilen, sehen wir die Zweige eines Liebesgärtleins, sehen wir stilisiertes Haar, sehen wir Ornamente- dieses Sphären sind ungeschieden, dank der Stickerei, sie will alles zugleich.